Großstadtromantik und andere Kleinigkeiten

 

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Dienstag.

Wenn man über den Ablauf des eigenen Lebens einmal wirklich nachdenkt, jeden Tag in seine Einzelheiten zerpflückt und sich überlegt, wo alles herkam und wo alles hinführt, den Quasi-Schmetterlingseffekt seines Lebens also erkennt, kommt einem das Kotzen.

Aufwachen, 7 Uhr. Aufstehen, 7:30 Uhr. Ins Bad, pissen, 07:32 Uhr. Zum Fernseher, diesen aufdrehen, 07:34 Uhr. Eine rauchen, 07:35 bis 07:40 Uhr. Wichsen, 07:40 Uhr bis 07:55 Uhr (lange, ich weiß), das Kevin Spacey Zitat "Das war auch schon der Höhepunkt des Tages" immer und immer wieder im Kopf abspielen, ab 07:55 Uhr. Ins Bad, Zähne putzen, 07:57 bis 08:02 Uhr. Duschen, 08:03 bis 08:15 Uhr. Anziehen, 08:15 bis 08:25 Uhr. Alles einpacken, 08:25 bis 08:30 Uhr. Das Haus verlassen, 08:32 Uhr. Und dann beginnt erst die Routine des Tages. Arbeiten, essen, weiter arbeiten, heim gehen, zwischen 09:00 und 17:00 Uhr. Zuhause angekommen, PC aufdrehen, 17:35 Uhr. Musik hören, fernsehen, essen, wichsen, gammeln, langweilen, schlafen gehen, 17:35 bis 00:00 Uhr. Im Bett liegen, schlaflos sein, weiter langweilen, an den Anfang der Liste denken, den Wecker anstarren, wichsen, einschlafen, 00:00 bis 01:00 Uhr.

Irgendwann muss man ausbrechen. Die einen laufen Amok, die anderen gehen in den Puff, irgendwas beschissenes passiert auf jeden Fall. Und wenn man irgendwann in Pension geht, kann man seinen Enkeln voller Stolz erzählen, dass man sein Leben voll verschissen hat. Vorausgesetzt, man hat Enkel und vorausgesetzt, die interessieren sich überhaupt für einen. Ansonsten ruft man irgendwelche Hotlines, Beschwerdestellen oder Notrufe an und labert die mit seinem langweiligen Leben voll, gliedert sich also in die Reihe der alten Leute ein, die jeder hasst. Das sind dann so ca. 95 %, Großeltern, Onkels und Tanten und die alte Frau von nebenan ausgenommen.

Wer will das denn? Jeder will es verhindern und trotzdem endet der Großteil der Menschheit in Lethargie versunken auf dem Sterbebett und heuchelt sich selbst ein erfülltes Leben vor. "Oh, da war ich, und dort, und den hab ich getroffen und das war sowieso super und eigentlich war ja alles ganz toll und farbenfroh." Schmecks, mehr fällt mir dazu nicht ein.

Das ist wie mit Beziehungen. Zu Beginn ist alles ganz toll und aufregend, dann kommt der Trott, dann die Trennung, dann die Trauer. Man kann das in ganz einfache Phasen unterteilen, und so läuft es immer ab, bei den einen dauert es 30 Minuten, bei den anderen 30 Jahre.

Der Beginn ist ja noch das beste, wie im Leben. Keine Verpflichtungen, alles neu und spannend, man fickt, lacht, liebt.
Wenn der Trott erst einmal einsetzt, wird's schon schwieriger. Die Spannung verfliegt und man beginnt zu realisieren, dass es noch Milliarden anderer Personen gibt, die man kennen lernen kann. Man gibt sich dann ungern selbst die Schuld, weil das Fremdbild spätestens beim ersten Streit völlig im Hintergrund verschwindet. Man selbst ist der arme, der unschuldige.
Die Trennung gibt einem dann nach einer gewissen Zeit Kraft, weil man es als unvermeidbar deklariert. Wenn man der ist, der es beendet, hat man es nicht leichter, aber man kann sich auf den oberen Satz berufen. Ist man auf der anderen Seite, überwiegt natürlich die Trauer und genau dann beginnt dieser Pensionistenreflex: Man redet sich jede noch so unbedeutende Situation zum Urknall hoch. Der Partner war der schönste, lustigste Mensch, den man je getroffen hat, das eigentlich eklige Muttermal am Oberschenkel wird zum Schönheitsfleck, die nervigen Schwiegereltern waren ja ganz liebe Menschen, die gemeinsam verbrachten Stunden waren mit einigen Ausnahmen innig und verliebt. Die Realität bleibt bei solchen Überlegungen dann meistens auf der Strecke.
Die ewig langen, nervigen Streitereien, die ganzen kleinen Fehler, die irgendwann eine emotionale Explosion in die Abgründe des Hasses auslösen, werden dann ignoriert, weil ja doch nicht alles so schlecht war.

Ich sag's euch, ich hab das zig mal erlebt, nicht nur am eigenen Leib, sondern auch bei Freunden, Familie, Kollegen, Bekannten, und und und... Die wenigen glücklichen Beziehungen waren von Abhängigkeit geprägt, egal, wie glücklich sie begannen. Kennt jemand ein ernstzunehmendes Gegenbeispiel? Oder zwei, denn die eine, glückliche Beziehung kennt jeder und will sich ein Beispiel daran nehmen, es genau so oder sogar besser machen. Nur klappt das dann nicht, weil man immer versagt, wenn man sich an anderen misst.

Irgendwie beginnt man dann irgendwann, mit dem Thema Liebe abzuschließen. Man flüchtet immer noch gerne in romantische Gedanken, malt sich die Zukunft mit dem perfekten Partner aus, glaubt an Kinder, Haustiere und den ganzen Scheiß. Und ab und zu klappt das auch, nur: für wie lange?

Wie lange dauert es, bis zunächst Resignation einsetzt und irgendwann die tausendste Midlife-Crisis seines Lebens? Wenn man kapiert, dass nur Veränderung einen Schritt nach vorne bedeutet?

Ehrlich, ich will keinem die Liebe schlecht reden. Es ist wunderbar, neben einer Person aufzuwachen, an sie zu denken, mit ihr zu vögeln, sie zu lieben. Insofern lohnt sich dieser ganze Stress vielleicht auch, die Aufregung, der Trott, die Trennung und die Trauer, und natürlich alles, was dazwischen liegt, was diesen ganzen Energieverschleiß auslöst und im Grunde sogar rechtfertigt.

Was wären wir denn ohne diese kleinen und großen Momente, die uns steuern und begleiten? Es macht einfach Spaß, auf dem Sturm zu reiten und abzuwarten, was passiert.

Schönen Abend noch.
20.7.10 20:42
 
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